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L e g as t h e nI e

Worte sind Blumen, das Moos, ein Falter,

Worte sind Bäume, sind Blätter im Wind,

Worte sind Farbe, tiefdunkel und hell,

Worte sind Blüten an bebenden Zweigen,

Worte sind Funkeln am plätschernden Quell.

Worte sind Klänge, ein Zwitschern, ein Hall,

Worte sind Gärten: sie duften, sie leben,

sind ein Geheimnis aus Zauber und Schall.

Der Text ist ein Berg aus Felsengestein,

Irrgarten aus Steinen, da sollst du hinein.

 

Jemand sagt, „Steig da hinauf, steig auf den Berg,

du wirst mit jedem Schritt atmen:

die Blumen, den Duft, die Farbe, die Pracht!

Die Welt wird sich öffnen, mit Wunder und Macht!

Nur zu… versuch es… es ist nicht schwer!

Am Fuße des Berges ist’s öde und leer!“

 

Buchstaben sind Steine, sind felsige Brocken,

am Hang des Berges! Nicht achtlos verstreut,

formlos bizarr, in endlosen Linien,

liegen sie da, auf dem Weg aufgereiht,

lauern gestaltlos, mit dunkler Gebärde,

hindern den Schritt, verdunkeln die Sicht.

Mit stolperndem Tapsen beginnst du zu gehen.

Du möchtest nicht weiter, ein Ziel siehst du nicht.

 

Du gehst ein paar Schritte, du willst hinauf,

doch diese Steine behindern den Lauf.

Da ein Stein und dort ein Stein!

Die sollen dich lenken?

Das kann doch nicht sein!

 

Da ist dieser Nebel,

düsterer, grau-brauner dichtester Dunst,

den zu durchdringen, das ist die Kunst.

Nichts siehst du mehr, was soll denn das?

Nur wirre Spuren, das macht keinen Spaß!

 

Dann bist du oben, du fühlst dich so leer,

am Gipfel des Berges, der Aufstieg war schwer!

 

Buchstaben sind Steine und felsige Brocken

aber die Worte, der Klang und der Duft

bleiben versteckt hinter nebligen Schranken,

stumpf sind sie, blind, in lichtloser Luft.

 

Du, ich setz mich zu dir und lese dir vor…

 

Worte von Farben, von gelb, grün und blau,

Worte vom Licht, das sich spiegelt im Tau,

Worte vom Mut, von Freiheit und Pflicht,

vom Vogel am Nestrand:

„Flieg ich jetzt … oder flieg ich noch nicht!“

 

Sei nicht verzagt, wir steigen ganz langsam,

gemeinsam gehen wir Schritt für Schritt ,

von Stein zu Stein, von hier nach dort,

und pusten den Nebel, die felsigen Hürden,

mit unseren Träumen – ganz einfach fort!

Gabriele Brunsch

Durch die Blätter des Blutahorns vor meinem Fenster beobachtete ich mit bangem Herzen den Einzug der neuen Bewohner im Haus gegenüber. Das waren atemberaubende Tage! Wir hatten erfahren, dass eine kinderreiche Familie das alte, leere Haus mit dem Garten gekauft hatte. Da mein Bruder und ich die einzigen Kinder in unserer Straße waren, konnte das Ereignis alles für uns bedeuten: Den Übergang in ein ereignisreiches Paradies, aber auch den Sturz in ein planloses Chaos. Natürlich war diese Straße nicht immer so hoffnungslos still und langweilig gewesen. Aber die Kinder von einst waren erwachsen, studierten in fernen Universitätsstädten oder hatten einfach nur beschlossen, ihr Leben in einer weniger ruhigen Umgebung zu verbringen. Zurückgeblieben waren ältere Leute, die einsam in viel zu großen Häusern lebten.

Kartons, Koffer und Möbel türmten sich auf dem Gehsteig und im Vorgarten. Mein kleiner Bruder hatte sich unter die fleißigen Möbelpacker gemischt und war nach einigen Stunden Umzugsstress mit einem triumphierenden Lächeln in unsere Küche gekommen: „Die sind echt schwer in Ordnung! Micha und Zwiebel gehen noch in den Kindergarten und die Zwillinge, Thomas und Jonas, kommen in meine Klasse. Annabelle, supernett, die müsste in deiner Klasse landen!“.

Am nächsten Tag traf ich sie auf dem verwaisten Spielplatz mit den morschen Kletterstangen. Sie war mit ihren kleineren Geschwistern hier her gegangen, um den wirklich abenteuerlich verkommenen Spielplatz zu erkunden und begrüßte mich mit einem aufmunternden „Hallo, ich bin Annabelle!“. Sie war mir vom ersten Augenblick an sympathisch. Der Gedanke, dass sie jetzt für immer hier bei uns wohnen würde, erfüllte mich mit großer Freude. Es war, als hätte ich ein Geschenk bekommen.

 Annabelle kam wirklich in meine Klasse. Sie war kleiner als die meisten von uns, aber ihre blauen Augen blitzten frech, wenn sie uns auf unsere herausfordernden Fragen antwortete. Ihre Büchertasche hatte rundherum schwungvolle Signaturen, die dort mit Kugelschreiber oder Filzstiften hineingraviert schienen, und ich schloss daraus, dass sie eine riesige Schar von guten Freunden hinter sich gelassen hatte. Sie war keine Angeberin, aber ich merkte schon nach wenigen Schultagen, dass sie mich mit ihrem großen Allgemeinwissen leicht an die Wand spielen konnte. Ich war enttäuscht, als sie zwei Reihen hinter mich gesetzt wurde.

Als in das Haus gegenüber allmählich der Alltag eingezogen war, begannen wir uns abwechselnd zu besuchen um miteinander unsere Freizeit zu verbringen. Da erlebte ich die erste Überraschung: Annabelles  Familie hatte keinen Fernsehapparat, aber sie war spielsüchtig. Sie besaßen einen Schrank, in dessen Fächern, von oben bis unten, unendlich viele Schachteln und Schächtelchen in allen Größen ordentlich gestapelt beieinander lagen. Ich sah sämtliche mir bekannten Brettspiele, wie: Mensch-ärgere-dich-nicht, Mühle, Dame, Monopoly, das Spiel des Lebens, die Europareise und die Reise durch die Kontinente. Da waren aber noch eine Unmenge von geheimnisvollen Schachteln, die mich neugierig machten, denn schon die Namen und Aufschriften verhießen aufregende Spielstunden. Dann gab es Dutzende von Quartettspielen, von deren Existenz ich bis zu diesem Tag nicht einmal etwas geahnt hatte. Ja, um ehrlich zu sein, ich kannte nicht einmal die Spielregeln und war überwältigt, wie viel Spaß wir beim Spielen mit unseren Geschwistern hatten. Es gab Kartenspiele zu den unterschiedlichsten Themen, mit schönen Bildern und einer Menge wichtiger Informationen. Wenn ich sage, dass sie alle Bereiche unserer Welt abdeckten, dann ist das nicht übertrieben: von den Tieren der Tiefsee bis zu den Errungenschaften der Raumfahrt oder von den Insekten und ihrer Lebensweise bis zu den schnellsten Autos. Diejenigen Quartettspiele, die einen Spaziergang durch die unterschiedlichen Kulturen ermöglichten, fand ich besonders interessant, und als wir ein Spiel über die Indianer Nordamerikas auswählten, da wunderte es mich nicht mehr, dass Annabelle in der Schule mit ihrem Wissen über die Indianer geglänzt hatte.

 Doch dann schien plötzlich gar nichts mehr zusammen zu passen. Das wunderbare, einheitliche Bild, das ich mir von Annabelle gemacht hatte, lag plötzlich wie ein versehentlich durcheinander gewirbeltes Puzzlespiel vor mir.

Juliane, du bist doch mit Annabelle befreundet, nicht wahr?“ Mit diesen Worten hatte mein Lehrer mich zu sich gerufen und an der tiefen Falte, die sich über seiner Nasenwurzel eingegraben hatte, bemerkte ich, dass es sich um eine ernste Sache drehte. „Sie hat großes Vertrauen zu dir, ihre Eltern haben dich auch ins Herz geschlossen!“ Ich errötete, angstvoll wartete ich darauf zu erfahren, wo dieses Gespräch hinführen würde. „Deine Freundin braucht unsere ganz besondere Hilfe. Annabelle ist Legasthenikerin!“ Ich verstand gar nichts. „Sie hat große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Setz dich bitte nach hinten zu ihr, dann kannst du… !“ Mit maßlosem Erstaunen hörte ich zu ohne etwas zu begreifen. 

Annabelle hatte mich immer wieder mit ihrem großen Allgemeinwissen verblüfft. Wann immer unser Lehrer eine Frage stellte, eine Zusammenfassung der Stunde verlangte, ganz gleich ob in Mathematik oder in einem Sachfach, sie war meist die Einzige, die sich ohne Ausnahme an die Details erinnerte. Es gelang ihr auch alle Gedanken in eine verständliche Sprache zu verpacken. Warum also sollte ausgerechnet sie fremde Hilfe nötig haben?

Die traurige Aufklärung machte mich sprachlos: Annabelle hatte einen klaren Verstand und ein hervorragendes Gedächtnis, aber sie konnte nicht wirklich lesen und schreiben. In dem Augenblick, in dem sie einen Stift in die Hand nahm und mit dem Schreiben beginnen sollte, ging es los: Sie wurde unruhig, rutschte auf dem Stuhl hin und her, kaute auf der Unterlippe herum und kniff die Augen zusammen. Sie versuchte alles zu tun um nur nicht mit dem Schreiben anfangen zu müssen. Sie kramte im Federmäppchen herum, tauschte die Tintenpatrone aus, ordnete ihre Buntstifte nach Farben neu oder begann ihre Nase zu putzen. Meine Aufgabe sollte einfach nur sein, sie von diesen Ausweichmanövern abzuhalten. 

 Ich hatte schon in der Grundschule gemerkt, dass es Kinder in meiner Klasse gab, denen es auf geheimnisvolle Weise nicht gelingen wollte, die einzelnen Buchstaben zu Wörtern zusammenzufügen. Ich hatte mir natürlich vorgestellt, dass das nur eine anfängliche Schwierigkeit wäre, die durch Üben von ganz von allein verschwinden würde. Da ich mich aber selbst mit Begeisterung meldete, wann immer es etwas zum Lesen oder Schreiben gab, und meine damaligen Lehrer die guten Leser in der Klasse gerne zum Zuge kommen ließen, war das Problem vollkommen aus meinem Blickfeld verschwunden.

Verantwortung für meine Freundin Annabelle zu übernehmen, schien mir vom ersten Augenblick an keine all zu schwierige Aufgabe zu sein. Angst hatte ich eigentlich nur davor, wie sie mit dieser Art von Autorität zurechtkommen würde. Aber sie hatte die Umsetzaktion nur mit einem freundlichen Augenaufschlag und einem Zucken der Schultern quittiert, was so viel heißen sollte, wie: „Schön, versuchen wir es!“ Ich war vollkommen überzeugt, dass ich ihr das Schreiben, das mir doch so leicht fiel, in Nullkommanix beibringen würde.

Um so fassungsloser war ich jedoch, als ich bald feststellte, dass ich es zwar nach wenigen Tagen geschafft hatte, sie davon abzubringen etwas anderes in die Hand zu nehmen als ihren Stift, aber einen Text fehlerfrei in einem Zug abzuschreiben, wollte ihr einfach nicht gelingen.

Bisweilen verwechselte sie Buchstaben oder verdrehte Silben, so dass aus „bedrängen“ „debrägnen“ wurde, aus „zerstören“ machte sie  „zeströren“ und aus „einmalig“ gelang es ihr „emmalg“ zu kreieren.

Es wurde mir klar, dass hinter ihrem Unvermögen die Buchstaben aus Buch und Tafel zügig und korrekt in die Zeilen ihres Heftes zu übertragen, etwas steckte, das meine Vorstellungskraft vollkommen überstieg. So wie ihr das Abschreiben nur mit Mühe gelang, so misslang ihr das Lesen. Sie vollführte es mit Stocken und holperigem Stottern und nur dort, wo sie den genauen Wortlaut eines Textes kannte, weil sie ihn schon mehrmals gehört hatte, las sie ihn einigermaßen fehlerfrei vor.

Am schlimmsten allerdings war es mit dem freien Schreiben, bei dem sie sich nicht an einer Vorlage orientieren konnte: Beim Aufsatz, beim Stundenprotokoll oder dem Diktat. Hier war es, als hätten sich alle Buchstaben des Alphabets und alle Silben der Wörter gleichzeitig dazu verschworen einen Irrgarten in ihrem Kopf wachsen zu lassen. Und selbst wenn ich ihr mit meiner Hilfe einen leuchtenden Ariadnefaden* in die Hand gab, dann war es, als verstrickte sie sich nur weiter im Geäst der Zeichen und der Zugang zur Ordnung der Buchstaben und Silben blieb ihr vollkommen verwehrt.

Annabelle konnte viel schneller rechnen als ich. Sie tat es oft so fix, dass es mir nicht gelang ihrem Gedankengang zu folgen. Hatte sie aber eine ihr nicht bekannte Textaufgabe vor sich, dann stand sie vor dieser wie der Ochs vor dem Berg und wusste nichts mit ihr anzufangen. Erst wenn ich ihr die Aufgabe vorgelesen hatte, und sie „gehört“ hatte, was von ihr verlangt wurde, dann blitzten ihre Augen und sie löste die kompliziertesten Aufgaben ohne mit der Wimper zu zucken. Zahlen waren für sie kein Problem. Ich konnte Annabelle nur um ihr rasches Denkvermögen und ihren schnell arbeitenden logischen Verstand beneiden.  

Es war ganz anders, als ich es mir am Anfang gedacht hatte: Annabelle war niemals vernachlässigt worden. Im Gegenteil, jetzt verstand ich erst, warum ihre Eltern mit eiserner Geduld so viele Wissensspiele mit ihren Kindern spielten. Mit Leichtigkeit und Spielfreude und fast wie von Zauberhand wurde so ihr Wissen vertieft und ihr Gedächtnis geübt. Annabelle hatte die ganzen Informationen auf den Kärtchen auswendig gelernt, so wie sie alle Inhalte der Unterrichtsstunden einfach in ihrem Gedächtnis abspeicherte und jederzeit mündlich wiedergeben konnte.

Ich hatte auch gelernt, dass meine Freundin Annabelle sich für ihre Legasthenie nicht zu schämen brauchte. Wäre sie als keltische Prinzessin irgendwann vor dreitausend Jahren geboren worden, dann hätte sie jeder ihrer Untertanen für ihren klaren Verstand und ihr Wissen bewundert. Dass sie mit Buchstaben nicht zurechtkommen würde, hätte gar keiner bemerkt: Denn die  Kelten kannten noch keine Schrift.

 

© Alle Rechte bei Gabriele Brunsch

*Ariadnefaden: In der griechischen Mythologie gibt es eine Sage, in der die Prinzessin Ariadne dem Königsohn Theseus einen Faden zum Geschenk macht. Theseus sollte in das Labyrinth steigen um den Minotauros zu töten. Der Minotauros war ein grauenhaftes Ungeheuer. Theseus gelang es, das Monster im Labyrinth zu besiegen, aber wegen der vielen Irrwege hätte er sich nie daraus befreien können. Ariadnes Faden rettete ihm das Leben.

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